Sunday, April 29, 2007

Böse, fies und gemein

Ich habe ein paar schlechte Eigenschaften. Schokoladensucht, Schlampigkeit und Trödelei mal beiseite gelassen. Ich bin schadenfroh. Nicht in dem Sinne schadenfroh, dass meine dunkle Charakterseite fratzenartige Lachanfälle bekommt, wenn ein Kind mit seinem Dreirad vor ne Mauer fährt oder ein altes Mütterchen seinen Gehwagen schrottet – ich bin angewidert begeistert von Menschen, die sich offenen Auges in die komischsten Situationen begeben. Wie ich in diesem Moment darauf komme? Es ist mal wieder Marathon in Hamburg.

Zwei Nachteile hat die Lage unserer Wohnung in dieser Zeit – man muss dankbar sein, sein Auto im Umkreis von 10 Kilometern zu parken, und einen Ausflug an diesem sonnig gesprenkelten Sonntag kann man getrost vergessen.
Der Vorteil: Der Zieleinlauf ist direkt vor unserer Haustür. Und so werde ich in etwa drei bis vier Stunden nach unten gehen, durch drei Reihen Zuschauer drängeln – man macht kleinen Menschen lieber Platz als großen – und mich an dem grotesken Schauspiel ergötzen, welches stolpernd, schlurfend, humpelnd und wankend an mir vorbeizieht.

Ein Zwiespalt tut sich auf – zieht das Gemeine in mir auf der einen Seite den Hut vor Menschen, die mit 1,70 Metern Länge und Breite rotgesichtig und mit verschwommenem Blick nach fast sechs Stunden Richtung Zielgerade taumeln, so schüttelt es auf der anderen Seite unverständig amüsiert den Kopf, wenn ich dieses Spektakel des medizinischen Wahnsinns betrachte. An weichgeleierte Bänder, überpumpte Herzmuskel, aufgepeitschte Pulsfrequenz und ausgelutschte Sauerstoffsättigung muss ich denken und bin der Überzeugung: Gesund ist das nicht! Und trotzdem gucke ich mit einer ebenso kranken Faszination zu, wie sie ohne Schuhe, fast rückwärts gehend und auf allen Vieren ihre massigen, ausgemergelten oder schiefen Körper durch die letzten Meter schieben.

Sendungen wie „Die zehn schrillsten Auftritte bei DSDS“ sehe ich ebenso gern. Ans Umschalten denke ich mit belustigter Fassungslosigkeit keine Sekunde. Fremdschämen kann Spaß machen. Bei mir geht es sogar so weit, dass ich dasitze und schallend lache, wenn Peter aus Arnsberg Guns-N'Roses-Balladen nuschelt oder Ursula aus Bruchköbel Sarah Connor quiekt. Auf welchem Niveau ich mich damit befinde - das ist mir durchaus bewusst. Und nett ist es natürlich auch nicht. Aber wer ist schon immer nett?

Thursday, April 19, 2007

Mallelorca

Vier komma fünf Tage Spaniens deutsche Insel und ein kurzes Fazit: ein geschrottetes Kinderwagenrad (Gepäckverlader haben defnitiv ein Talent für rohe Gewalt), FlipFlop-Striemen an den Füßen, ein bisschen Sonne im Gesicht und ein glückliches Kind.



Wie immer spielen sich bei Kurztrips am letzten Tag die Dinge so ein, dass man noch ein bisschen länger bleiben könnte. Wie dusche ich, ohne das Bad unter Wasser zu setzen? Wie laufe ich in der Nachtschwärze durch den Flur in die Küche, ohne gegen den Stuhl zu treten, und wo bekomme ich das Frühstücksbaguette her? Alles gelernt - und dann reist man ab. Schön war's.

Saturday, April 14, 2007

Hirn zum Mitreisen gesucht

Wenn man durch die Nebenstraßen auf St. Pauli läuft, fällt einem die Dichte der abgewrackten Kneipen auf. „Hammerpreise" kündigen das billige Besäufnis für 1,50 Euro pro Schnaps an, die Gardinen feiern stolzsteif das 25jährige Jubiläum mit - ohne je den Platz verlassen zu haben, und die Daddelmaschine ist auf Dauerklingeln eingespielt. Was mich immer wieder erheitert, sind nicht die Gestalten, die schon morgens um elf mit der Wange den Tresen abreiben, sondern das, was man als erstes sieht, bevor man durch die Scheibe guckt: der Kneipenname.
Der geht nämlich meist überhaupt nicht. Ich meine damit nicht „Hellas Bierbar", „Na und?" oder „Jolly Roger", sondern seltsame Kreationen wie „Crazy Horst". Einen Augenblick blieb ich vor dieser Gaststätte stehen und dachte: Der Besitzer muss Horst heißen und sich selbst total crazy finden. Wie neckisch.
Und da komme ich auch schon zum nächsten Thema: Ich hasse dieses Deutsch-Englisch-Kuddelmuddel. Ich könnte spontan brechen, wenn ich mit Menschen spreche, die anstatt vom Wochenende vom „nächsten Weekend" sprechen. Die etwas „voll crazy“ finden oder „absolut boring". An meine erste Begegnung mit der Abkürzung „asap" erinnere ich mich noch genau. Ich dachte: Wieso schreibt die nicht einfach „eilt"? Hat noch nicht einmal mehr Buchstaben. Ist halt nicht so cool.

Nun hatte ich eigentlich vor, jetzt, da ich seit ein paar Tagen 32 bin, endlich zwei Dinge zu wagen: mich vom Kettenkarussel durch die Luft zischen zu lassen und einen Spaziergang durch die Gehgeisterbahn zu machen. Beides habe ich mich noch nie getraut. Ich wäre jetzt bereit, und ich werde es bestimmt wieder nicht schaffen, denn der Hamburger Dom ist nur noch bis zum 22.4. aufgebaut. Und ab morgen geht es für fünf Tage nach Mallorca. Schade. Wirklich schade.